Jörgs Wissenschaft

Im Podcast berichtet Jörg immer wieder mal, was wissenschaftlich zum Thema offene Beziehung geforscht wird. Auf dieser Seite werden die entsprechenden wissenschaftliche Publikationen und andere Quellen zum Thema offengelegt.

  • Folge #21: Kirche & Religion

    „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben.“

    Deuteronomium, 22, 22

    Eines ist klar: Bei der wörtlichen Auslegung der Bibel ist eine offene Ehe im Programm eher nicht enthalten. Aber gilt das nur für das Christentum?

    Judentum: Schamhaftigkeit, Reinheitsregeln, Regeln zur Ehe und Sexualität

    Islam: Scham als Tugend, Sexualität ist gut aber regelgebunden und Konzepte der Ehre, die von Scham geschützt werden soll bzw. der Ehrenrettung durch Vergeltung sind weit bekannt

    Hinduismus: Scham als Tugend, männliche Pflichten und weibliche Keuschheitsnormen, Sexualität ist ambivalent sakral bzw. sozial

    Buddhismus: Innere Scham und Furcht vor Übel, Keuschheit für Ordensleben bzw. Laienethik: Sexueller Missbrauch verboten

    Konfuzianismus: Scham = moralisches Gewissen, Scham fördert Harmonie und Statuskonformität

    Einfache Antwort lautet also: Nein. Das findet man in so ziemlich jeder Religion. Erschreckenderweise haben die auch etwas anderes gemeinsam: weibliche Sexualität wird immer stärker reguliert und limitiert: Keuschheitsgebote, Verhüllungsgebote, härtete Strafen bei Vergehen. Scham fungiert als Machttechnik (siehe auch Folge #20: Scham)

    Was die Wissenschaftsecke betrifft, so hatte ich ja nur eine Kennzahl aus der Meta-Studie (Emmers-Sommer et al., 2017) noch zurückgehalten, die ich aus rein dramaturgischen Gründen passend zu dieser Folge erst in die Arena werfe:

    Der stärkste gefundene Zusammenhang mit sexueller Schuld, war jener mit Religiosität (r = 0.44).

    Ferner hatte ich noch zwei Studien zitiert, die spannende Zusammenhänge berichten.

    Zum einen hängt höhere Religiosität sowohl auf attitudinaler Ebene (das Denken) als auch auf behavioraler (das Handeln) mit einer negativeren Einstellung gegenüber CNM-Beziehungen führt, als Mediatorvariablen wurden u.a. politischer Konservativismus als auch Mononormativismus genannt (Grigoropoulos, 2024).

    Zum anderen wurde in einer Befragung mit über 900 Personen gezeigt, dass das Interesse am „Ausprobieren nicht-monogamer Beziehungen oder Praktiken“ als primäre Begründung dafür, dass sie das nicht wollen, angeben, dass ihre religiöse Überzeugung sie davon abhält. Es lebe der Schachtelsatz, aber einfach ausgedrückt, sie sagen nicht dass sie das selbst gar nicht wollen, sondern dass ihre Religion das nicht erlaubt (St. Vil & Giles, 2022)

    Referenzen:

    Emmers-Sommer, T. M., Allen, M., Schoenbauer, K. V., & Burrell, N. (2018). Implications of sex guilt: A meta-analysis. Marriage & Family Review, 54(5), 417–437. https://doi.org/10.1080/01494929.2017.1359815 

    Grigoropoulos I. Beyond the presumption of monogamy: the role of religiosity, political conservatism and mononormativity in motivating opposition towards poly families / Más allá de la presunción de monogamia: el rol de la religiosidad, el conservadurismo político y la mononormatividad como motivadores de la oposición hacia las polifamilias. International Journal of Social Psychology: Revista de Psicología Social. 2024;39(1):85-116. doi:10.1177/02134748231218170

    St Vil NM, Giles KN. Attitudes Toward and Willingness to Engage in Consensual Non-Monogamy (CNM) Among African Americans Who Have Never Engaged in CNM. Arch Sex Behav. 2022 Apr;51(3):1823-1831. doi: 10.1007/s10508-021-02268-2. Epub 2022 Mar 1. PMID: 35230564.

  • Folge #20: Scham

    Scham ist ein selbstbezogenes Gefühl der Minderwertigkeit oder Bloßstellung, das entsteht, wenn man (tatsächlich oder vorgestellt) gegen eigene oder soziale Normen verstoßen hat und sich negativ bewertet fühlt. Anders als Schuld richtet sich Scham auf die ganze Person („ich bin falsch“), nicht primär auf eine Handlung („ich habe etwas Falsches getan“).

    Scham (Duden)

    durch das Bewusstsein, (besonders in moralischer Hinsicht) versagt zu haben, durch das Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben, ausgelöste quälende Empfindung

    Herkunft:

    Mittelhochdeutsch: schame, scheme oder Althochdeutsch: scama -> kommt von Schande

    Schande (Duden)

    1. etwas, was jemandes Ansehen in hohem Maße schadet
    2. in höchstem Maße beklagenswerter, empörender, skandalöser Vorgang, Zustand, Sachverhalt

    Heute haben wir uns unter anderem mit der Frage befasst: Sind Scham, Schuld und Verlegenheit drei wirklich trennbare Emotionen oder sind es Abstufungen einer Emotion? Die Autor*innen der mitgebrachten Studie zeigen, dass diese Konzepte phänomenologisch, funktional und auch empirisch trennbar sind (Tangney, et al., 2005).

    Verlegenheit ist kurzzeitig und geht mit stark physiologischen Reaktionen einher (Herzrate, Erröten) und hat wenig moralische Implikation. Gefühl des Ertappt- oder Beobachtetwerdens spielt eine Rolle.

    Schuld hängt an Erkenntnis (oder Einbildung) konkreter Fehlhandlungen und geht mit Reparation/Entschuldigung einher, hängt stark am Empathievermögen.

    Scham hängt stark mit der Kohärenz von Selbstbild und Idealbild zusammen und führt stark zu Rückzug, Leugnung und der Externalisierung von Schuld.

    In einer Meta-Analyse geht ferner hervor, dass Frauen ein höheres Schuld- bzw. Schamempfinden haben als Männer.
    Anm.: Wundert das irgendwen? Männer reden das Frauen als Instrument zur Machtkontrolle auch schon im Kleinkindalter ein!
    Spannend ist, dass höhere „sex-guilt“ – ich verwende den unübersetzten Begriff – korreliert mit weniger sexueller Aktivität, negativer Haltung gegenüber Sex, niedriger Erregung und vielem weiteren.

    Referenzen:

    Tangney, J. P., Mashek, D., & Stuewig, J. (2005). Shame, Guilt, and Embarrassment: Will the Real Emotion Please Stand Up? Psychological Inquiry, 16(1), 44–48. http://www.jstor.org/stable/20447260

    Emmers-Sommer, T. M., Allen, M., Schoenbauer, K. V., & Burrell, N. (2018). Implications of sex guilt: A meta-analysis. Marriage & Family Review, 54(5), 417–437. https://doi.org/10.1080/01494929.2017.1359815 

  • Folge #19: Streit!

    Im heutigen Thema bin ich etwas vom üblichen Modus abgewichen und habe über Streit zu wissenschaftlichen Erkenntnissen berichtet („Dispute“). Das Problem liegt auf der Hand: Egal, welchen Quatsch man behauptet, Google, ChatGPT & Co. werden schon irgendwie einen vermeintlich soliden wissenschaftlichen Artikel dazu liefern und schon kann ich die Keule schwingen…

    Das ist aber wissenschaftlich erwiesen!

    (Jeder Mensch – irgendwann mal.)

    Was tut man nun? Tja, es ist freilich müßig.
    Totalen Quatsch erzählen: 5 Sekunden
    Totalen Quatsch widerlegen: 5 Stunden
    ABER das Gefühl danach: Priceless.
    (Wer die Werbungen noch kennt)

    Hier kommt also mein Beispiel:

    Eine sehr neue Studie von Veh et al. 2025 befragte 210 Versuchspersonen (monogame und nicht-monogame Personen). Unter anderem ging es um Konfliktlösungsstile, und da gibt es drei Ansätze

    1. Positiver Ansatz (Verhandlung/Kompromiss)
    2. Engagement (eskalierendes Einsteigen, persönliche Angriffe)
    3. Rückzug (Vermeidung/Abbruch)

    Die Ergebnisse schön von ChatGPT zusammengefasst:

    • CMN-Beziehungen wählen eher den verhandelnden/Kompromissansatz als monogame
    • Den höchsten Score für Eskalation/persönliche Angriffe zeigen monogame Frauen
    • Den höchsten Score für Vermeidung/Abbruch zeigen nicht-monogame Männer.

    So, bisschen Stereotype reproduzieren, passt schon, die hysterischen Frauen und die Männer, die mit Gefühlen ja nicht umgehen können, klingt ja logisch.

    Okay. Ich bin ja Wissenschaftler, und ich möchte mal erklären, was ich mit sowas dann mache. Also wir schauen mal in den Artikel rein, der ist Peer Reviewed, das ist schon mal gut, das Journal Sexes hat einen IF (2024) von 0,9. Warum schau ich das an? Naja wenn das beides nicht vorhanden ist, haben wir schon mal einen Warnhinweis.

    Wir schauen rein, was wurde erhoben?

    Seite 3-4 Methods lesen wir, welche Inventare verwendet wurden, das Conflict Resolution Styles Inventory (CRSI) stammt von Kurdek 1994 und basiert auf einem anderen Modell der 1970er Jahre. Und hier schreiben die Autor*innen ganz klar – also die sind nicht schuld – das Modell wurde 2016 von Bonache et al. validier, mit einem Cronbachs Alpha .78-.87 – einfach gesagt der Test ist „gut“ was die innere Konsistenz betrifft. Nun schreiben die Autor*innen hier aber „However, the Cronbach’s alpha for this test was low, measuring 0.4” – was übersetzt heißt, der Test war für dieses Sample „inakzeptabel“ – also kann man die Ergebnisse ziemlich in die Tonne klopfen.

    Was ich damit sagen will ist folgendes: Wer hat die Deutungshoheit über Wissenschaftliche Erkentnisse? Ich würde sagen, jeder der in der Lage ist, so eine Studie wirklich lesen zu können, was heißt, die statistischen Verfahren kennt, die Kennzahlen der Tests versteht und dadurch in der Lage ist, das auch richtig einzuordnen.

    Veh, R., García, P. F., & García-Vega, E. (2025). Relationship Satisfaction, Sexual Desire, Jealousy, and Conflict Resolution in Monogamous and Consensually Non-Monogamous Romantic Relationships. Sexes, 6(2), 19. https://doi.org/10.3390/sexes6020019

  • Folge #18: Gefühle

    Heute ging es um ein Messinstrument für „Mitfreude“, auf Englisch „compersion“ – und wie es der völlige Unzufall will, denn in der Wissenschaft liebt man sowas ja – heißt das Instrument auch COMPERSe (Flicker et al., 2021).

    „Classifying Our Metamour/Partner Emotional Response Scale“

    Hier habe ich berichtet, dass das Inventar mit 11 Items 3 Faktoren abbildete, nämlich:

    • Freude über Beziehungen/Verbindungen des Partners
    • Sexuelle Erregung
    • Aufgeregtheit über neue Verbindungen

    Ein großes Sample mit 3.520 Versuchspersonen (davon 1358 monogam) zeigte, dass dieser Parameter bei offenen und polyarmoren Personen höher liegt (trivial), aber dass Mitfreude auch einen Mediationseffekt auf Eifersucht hat (Balzarini et al., 2021).

    Buczel et al. (2024) haben festgestellt, dass dass 3-Faktoren keine guten Fit hatte, und mit eigenen Daten aus einer konfimatorischen Faktorenanalyse auf ein 2-Faktoren-Modell mit ausgezeichnetem Fit reduziert.
    Anm.: „kein guter Fit“ heißt, dass die Faktoren sich z.B. nicht genug voneinander unterschieden haben, also dass zwei davon beinahe dasselbe messen.

    Hier wurde jetzt festgestellt, dass CNM-Personen mehr Compersion und kognitive Empathie zeigen als monogame, aber dass polyamore weniger Aversion gegen Partner-Autonomie zeigen als offene Beziehungen.

    Kurz zusammengefasst steigert Compersion die Beziehungszufriedenheit indirekt über niedrigere Eifersucht und höhere kognitive Empathie, wobei polyamore und offene Beziehungen hier getrennt betrachtet werden müssen.

    Referenzen:

    Buczel KA, Szyszka PD, Mara I. Exploring Compersion: A Study on Polish Consensually Non-Monogamous Individuals and Adaptation of the COMPERSe Questionnaire. Arch Sex Behav. 2024 Aug;53(8):3285-3307. doi: 10.1007/s10508-024-02930-5. Epub 2024 Jul 1. PMID: 38951409; PMCID: PMC11335843.

    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38951409

    Flicker SM, Vaughan MD, Meyers LS. Feeling Good About Your Partners‘ Relationships: Compersion in Consensually Non-Monogamous Relationships. Arch Sex Behav. 2021 May;50(4):1569-1585. doi: 10.1007/s10508-021-01985-y. Epub 2021 Jun 1. PMID: 34075503.

    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34075503

    Balzarini RN, McDonald JN, Kohut T, Lehmiller JJ, Holmes BM, Harman JJ. Compersion: When Jealousy-Inducing Situations Don’t (Just) Induce Jealousy. Arch Sex Behav. 2021 May;50(4):1311-1324. doi: 10.1007/s10508-020-01853-1. Epub 2021 May 26. PMID: 34041641.

    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34041641

  • Folge #16: Eifersucht

    Wo das Wort „Sucht“ drinnen steckt, das kann doch nichts Gutes sein, oder? Aber langsam. Definieren wir das mal aus psychologischer Sicht.

    Eifersucht [engl. jealousy], [EM, SOZ], bez. eine aversive emot. Reaktion (Emotionen), die als Ergebnis einer außerdyadischen Beziehung eines Partners eintritt. Diese Beziehung kann real oder vorgestellt sein oder für wahrscheinlich gehalten werden. Drei Formen der Eifersucht sind zu unterscheiden: (1) Reaktive Eifersucht beschreibt die affektive Reaktion (Affekt) auf einen tatsächlichen partnerschaftlichen Vertrauensbruch. (2) Präventive Eifersucht ist durch die Absicht gekennzeichnet, den Partner als Reaktion auf erste Warnzeichen davon abzuhalten, eine Beziehung mit einer dritten Person einzugehen. (3) Selbsterzeugte Eifersucht wird als generalisierte Reaktion beschrieben, die paranoide Züge aufweisen kann und für Außenstehende schwer nachvollziehbar ist.
    […]

    (aus dem Lexikon der Psychologie https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/eifersucht)

    Im Podcast sprechen wir über zwei Formen der Eifersucht in romantischen Beziehungen, „reactive jealousy“ – welche eher zur Selbstreflektion führt (ad 1) und „suspicious jealousy“ – welche sich eher in manipulativem Verhalten der Beziehungsperson gegenüber manifestiert (ad 3).

    Attridge, M. (2013). Jealousy and Relationship Closeness: Exploring the Good (Reactive) and Bad (Suspicious) Sides of Romantic Jealousy. Sage Open, 3(1). https://doi.org/10.1177/2158244013476054

    Die Studie zeigte, dass Abhängigkeit in einer Beziehung zu höherer Eifersucht führt. Anm.: Abhängigkeiten sind vielfältig, betreffen aber vor allem noch immer Frauen, z.B. finanzielle Abhängigkeit, emotionale Abhängigkeit, Co-Abhängigkeit (Sorge, Selbstaufgabe). Die Abhängigkeit wird dann bewusst ausgenutzt, um die betroffene Person zu manipulieren.

    Ein Systematic Review über 230 Studien zeigte, dass Studien zu Eifersucht vorwiegend mit höher gebildeten jungen Menschen durchgeführt wurde (sample bias), und Befunde zu geschlechtsspezifischer Manifestation von Eifersucht uneinheitlich sind. Spannend ist jedoch der Befund , dass bei Frauen die Eifersucht zyklusabhängig ist. Bei homosexuellen Paaren zeigte sich, dass Auslöser für Eifersuchtsverhalten weniger in sexuellen Themen liegen.

    Der besorgniserregendste Befund ist jedoch, dass es einen Zusammenhang zwischen Eifersucht und häuslicher Gewalt gibt, und dass Alkoholkonsum eine Mediatorvariable ist.
    (Erklärung: „Mediator = Vermittlerrolle“, sie steht in einer Kette: Die Ursache beeinflusst den Mediator, und dieser beeinflusst wiederum die Wirkung.)

  • Folge #15: Was, wenn sich wer verliebt?

    Die Liebe ist ein Trick der Natur zur Erhaltung der menschlichen Rasse.

    (frei nach Arthur Schopenhauer)

    In der Wissenschaftsecke habe ich diesmal erwähnt, dass es kaum zu einem Thema mehr Forschung bzw. Studien gibt, als zur romantischen Liebe. Mein Zugang zum „Verlieben“ ist ein klar naturwissenschaftlicher, genau gesagt ein Neurobiologischer/Neurochemischer. Mich fasziniert, was sich im Gehirn abspielt, wenn die „Hormone verrückt spielen“.

    In der Folge berichte ich von einer wichtigen Unterscheidung, nämlich der maternalen (mütterlichen/elterlichen) Liebe vs. der romantischen Liebe. Wir lieben unsere Kinder, aber anders als unsere Partner:innen. Dennoch zeigen beiden Formen viele Ähnlichkeiten, z.B. in der Aktivierung des Paralimbischen Systems – jedoch auch feine Unterschiede. Nicht zu Unrecht spricht man auch immer vom „Liebesrausch“, denn auch Substanzabhängigkeiten zeigen ähnliche Muster in der Aktivierung von Gehirnarealen, wie das Verliebtsein.

    Sish, H., et al. (2022) The Neurobiological Basis of Love – A Meta-Analysis of Human Functional Neuroimaging Studies of Maternal and Passionate Love.

    Man unterscheidet jedoch auch die „Phasen“ des Verliebtseins.

    Lust ist die stark affektive Stufe, bei der Instinkte/Triebe eine große Rolle spielen, hier ist der Spiegel an Testosteron/Östrogen, besonders über die Aktivierung der Amygdala, ein treibender Faktor. Hier wird besonders das vegetative System über externe Anreize aktiviert (Aussehen, Geruch…).

    Anziehung ist stark von dopaminergen Prozessen gesteuert, wobei das vegetative Nervensystem durch den Neurotransmitter Dopamin angeregt wird, Organe werden stärker durchblutet, die Erregung steigt, der Körper bekommt ein „High“ was sich durchaus mit dem von Suchtverhalten vergleichen lässt. Hier spielen aber auch Stresshormone wie Noradrenalin oder Cortisol eine Rolle.

    Bindung ist die langfristige Phase, die wenig dopaminerg gesteuert ist. Hier kommt das Peptidhormon Vasopresin und das Neuropeptid Oxytocin eine wesentlichere Rolle, da sie sich auf soziale Bindungen und Vertrauensbildung auswirken.

    Singh, M. et al. (2025) Decoding the Neurobiology of Romantic Love – Mechanism of Attachment, Desire and Emotional Bonding.

    Fun Fact zum Abschluss: Durch die Messungen von Hormonausschüttungen bzw. Aktivierung von Hirnarealen im fMRT kann man zumindest geschlechtsspezifische Unterschiede sehen, worauf die Proband:innen stärker reagieren. Männer reagieren eher auf visuelle Stimulation und Frauen eher auf soziale Signale 🙂

  • Folge #14: Gesellschaftliche Normen & Werte

    Unsere Vorstellungen von Beziehungen, Sexualität und Identität sind keine biologischen Tatsachen – sie sind kulturell geprägt, normativ aufgeladen und tief im Alltag verankert. Drei besonders prägende Konzepte dabei sind: Mono-Normativität, der sexuelle Doppelstandard zwischen Mann und Frau und Hetero- sowie Cis-Normativität.

    💍 Mono-Normativität: Warum Monogamie „normal“ erscheint

    Mono-Normativität bezeichnet die gesellschaftliche Vorstellung, dass es „normal“, „gesund“ und „moralisch richtig“ sei, in einer exklusiven Zweierbeziehung zu leben – idealerweise monogam.

    Eine Masterarbeit von an der University of Denver zeigt:

    • Monogamie ist kein biologisches Naturgesetz, sondern eine kulturelle Konstruktion, die sich über Sprache, Medien, Gesetze und romantische Erzählungen etabliert hat.
    • Andere Beziehungsformen – etwa offene oder polyamore Beziehungen – werden oft als Abweichung, Phase oder gar Störung interpretiert.
    • Monogamie wird moralisch aufgeladen: Wer „treu“ ist, gilt als charakterstark, verlässlich und bindungsfähig. Wer abweicht, muss sich rechtfertigen – nicht-monogame Menschen sehen sich häufig mit Erklärungsdruck konfrontiert.

    „He is a Stud, she is a Slut!“

    Diese Aussage – und gleichzeitig Titel des vorliegenden Papers – beschreibt die Ansicht, dass Männer mit vielen Sexualpartnerinnen besonders toll („Stud“ = Hengst) und Frauen halt eben so gar nicht toll („Slut“ = Schlampe) sind.

    Die Studie fasst die Ergebnisse aus 99 Einzelstudien mit über 120.000 Personen zusammen und analysiert, wie Männer und Frauen mit vielen Sexualpartner:innen gesellschaftlich bewertet werden.

    Die wichtigsten Erkenntnisse:

    • Der doppelte Standard existiert weiterhin, aber:
      • Die Effektstärken sind kleiner als erwartet (meist gering bis moderat).
      • In den letzten 20 Jahren ist eine deutliche Abschwächung messbar.
    • Der Effekt ist in liberalen, gleichberechtigten Gesellschaften schwächer,
      in konservativen, religiös geprägten Kulturen stärker.
    • Bemerkenswert: Männer und Frauen beurteilen „viel Sex“ bei Frauen ähnlich streng.
      → Der Doppelstandard ist gesellschaftlich internalisiert, nicht nur „männergemacht“.

    🌈 Hetero- & Cis-Normativität: Die stillen Ausschlüsse

    Heteronormativität meint die gesellschaftliche Vorstellung, dass Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit die natürliche Norm seien. Alles andere – von gleichgeschlechtlicher Liebe bis zu nicht-binärer Identität – gilt als Ausnahme, Störung oder Unsichtbares.

    Der Biologe und Neurowissenschaftler Dr. Robert Sapolsky (Stanford University) beschreibt in seiner berühmten Vorlesungsreihe Introduction to Human Behavioral Biology sehr eindrücklich, dass biologische Vielfalt nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist.

    Lecture 15: Human Sexual Behavior (YouTube)

  • Folge #13: Testen (STDs)

    2023 schrieb die MedUni Wien von einem „Rekordhoch bei sexuell übertragbaren Erkrankungen in Europa“ mit 17 Millionen gemeldeten Fällen – über die Dunkelziffer kann man nur spekulieren (Link).

    Wenn es um STDs („Sexually Transmitted Diseases“) bzw. STIs (.. Infections) geht, dann hört der Spaß schnell auf. hier gelten allgemein monogame Beziehungsformen als „sicherer“ aber das kann auch ein Trugschluss sein. Zwei aktuelle Studien zeigen: Mensch in offenen Beziehungen verhalten sich dahingehen nämlich oft verantwortungsbewusster als monogame Paare.

    In einer Vergleichsstudie hatten zwar CNM-Personen mehr Sexualpartner*innen, aber sie nutzten auch häufiger Kondome, ließen sich regelmäßiger testen und sprachen auch offener über STDs. In der monogamen Vergleichsgruppe dagegen hatten viele Personen Sex außerhalb der Beziehung, ohne Kondom und auch ohne, dass der/die Partner*in davon wusste.

    Eine zweite Studie zeigte ebenfalls, dass die öffentliche Vorstellung, Monogamie sei ein „Schutzschild“ gegen STDs, auch nur in der Theorie funktioniert, nämlich dann wenn man sich vorher umfangend testet, 100% treu ist und auch bleibt. Das war allerdings in der Realität selten der Fall.

    Das CDC (Center for Disease Control, USA) berichtet, dass 48% der gemeldeten Fälle von Chlamydien, Gonorrhoe und Syphilis aus der Gruppe der 15-24 jährigen kamen. Hier stiegen zwar die Testaktivitäten, aber damit (selbstverständlich) auch die Zahl der detektierten Fälle (Link).

    Schlussfolgerung: Es geht nicht darum, welche Beziehungsform man lebt, sondern wie verantwortungsvoll man mit dem Thema Sexualität, Schutz und Kommunikation umgeht.

    Lehmiller, J. (2015) A Comparison of Sexual Health History and Practices Among Monogamous and Consensually Nonmonogamous Sexual Parters.
    https://www.researchgate.net/publication/282130422

    Conely, T. & Piemonte, J. (2020) Monogamy as Public Policy for STD Prevention: In Theory and Practice.
    https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/2372732220943228

    Sexuell übertragbare Krankheiten

    Zu den bekannteren Viren(infektionen) gehören HIV (1 und 2), HPV („low“ und „high risk“, über 220 Typen) und Hepatitis (A, B, C). Bei den bakteriellen Erkrankungen sind Chlamydien, Syphilis und Gonorrhoe („Tripper“) sehr weit verbreitet, aber auch etliche Infektionen, die nicht als „Geschlechtskrankheiten“ bekannt sind, können durch Sex übertragen werden

    Wikipedia Artikel

  • Folge #12: Shibari & Kinbaku

    Als ich mich wissenschaftlich mit Rope Bondage befasste, war ich verwundert, wie viele Studien es zu diesem Themenbereich gibt.

    Therapeutische Wirkung

    Eine qualitative Studie zeigte, dass Rope-Bondage Körpergefühl und Empowerment, Kommunikation und Gemeinschaft fördert und auch einen bewussten Raum für unbewusste Muster der Heilung bietet. Eine zweite Studie hob den psychologischen und sozialen Nutzen durch inklusives Community-Erleben und verstärktes Wohlbefinden durch körperliche Praxis hervor.

    Harris, E. (2023) Healing Experiences in Japanese Rope Bondage Practise: A Phenomenological Study.
    https://www.researchgate.net/publication/376770694_Healing_experiences_in_Japanese_rope_bondage_practice_A_phenomenological_study

    Galati, M. (2017) The Therapeutic Impact of Rope Bondage: a case study in the UK.
    https://www.researchgate.net/publication/326489528_The_Therapeutic_Impact_of_Rope_Bondage_a_case_study_in_the_UK

    Gefahren

    Selbstverständlich handelt es sich bei Rope Bondage um Praktiken, die mit dem Risiko körperlicher Verletzungen einhergeben – wie das in vielen BDSM-Praktiken der Fall ist. Man spricht auch von „RACK“ (Risk Aware Consensual Kinks). eine Studie zeigte, dass – besonders in Suspensions (Aufhängungen) – Schäden des nervus radialis die häufigste Verletzung sind („Fallhand“).

    Khodulev, V. et al. (2023) Acute Radial Compressive Neurophathy: The Most Common Injury Induced by Japanese Rope Bondage.
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37384078/

    Kunst

    Eine Studie befasst sich mit dem Konzept von Shibari als eine „Schreiben“ mit dem Seil auf der Leinwand des Körpers – also als performativen Kunstakt, der eine emotionale Verbindung zwischen den Personen herstellt

    Soulrope, K. (2023) On the Art of Shibari as a Form of Writing.
    https://doi.org/10.48417/technolang.2023.03.05

    Psychische Gesundheit

    Alles Perverse? Alles Freaks? Das ist ja nicht normal?

    Mitnichten. Abgesehen davon, dass etliche Studien der Vergangenheit schon zeigte, dass große Teile der Bevölkerung Fantasien zu BDSM-Praktiken haben (65% Bondage, 45% Spanking), zeigte eine Studie mit 1.112 Versuchspersonen , das Rope Bondage zu den beliebtesten BDSM-Praktiken zählt und Intimität, Lust, Selbstfindung und Stressabbau zu den Hauptmotiven gehört.

    Mehrere Studien (erwähnt im Artikel als Sekundärliteratur) zeigten zudem, dass „BDSM-Praktizierende“ psychisch stabiler waren, als die Vergleichsgruppen, weniger neurotisch und höher in der Offenheit (OCEAN).

    Schuerwegen, A. et al. (2023) BDSM in North America, Europe, and Oceania: A Large-Scale International Survey Gauging BDSM Interests and Activities.
    https://www.researchgate.net/publication/373139557

  • Folge #11: Dating

    Gibt es „bessere“ oder „schlechtere“ Formen von offenen Beziehungen?

    Geht es nach Conely & Piemonte (2021), dann könnte es darauf tatsächlich eine Antwort geben. Deren Systematic Review versucht nämlich herauszufinden, ob es innerhalb der CNM-Beziehungen Unterschiede in der Beziehungsqualität gibt. Untersucht werden dabei:

    • Offene Beziehungen
    • Polyamorie
    • Swinger

    Polyamorie und Swinging zeigen bessere Werte bei Beziehungssatisfaktion, Vertrauen und Leidenschaft als offene Beziehungen, diese wiederum berichten von mehr Eifersucht und schwächerem Commitment.

    Warum schneiden offene Beziehungen schlechter ab? In zwei der Studien werden vier Hauptfaktoren identifiziert.

    1.) Kommunikation
    Weniger effektive Kommunikationstechniken als Poly- oder Swingerpaare

    2.) Motivation
    Häufiger extrinsische Gründe in offenen Beziehungen (z.B. Libido-Ungleichgewicht, Distanz, Krankheit, unerfüllte Kinks…)

    3.) Monogamie-Idealisierung
    Stärkere Orientierung an monogamen Vorstellungen (was selbstverständlich auch Poly-Beziehungen betrifft)

    4.) Kontakt zu Metamours
    Weniger Bekanntschaft mit den Partner:innen der Partner:innen, daher mehr Eifersucht.

    Fazit: Es gibt nicht die ideale CNM-Beziehung – Stil und Motivation sind entscheidend! Gute Kommunikation, intrinsische Motivation, weniger Monogamie-Idealisierung und mehr Metamour-Kontakt führen zu besserer Beziehungssatisfaktion und Vertrauen, auch ganz unabhängig vom Beziehungsmodell.

  • Folge #10: Sex Positivity & Kink

    Immer diesen neuen Worte… was ist denn das schon wieder?

    Sex Positivity ist eine Bewegung. Und ob sie nun aus der Ball Room Culture der 1920er Jahre in Harlem (New York) kommt, oder aus der sexuellen Revolution der 1960er oder aber aus der Gay Acceptance Movement / LGBTIQ+ rights movement der 70-90er Jahre ist hier nun nebensächlich. Es geht nämlich recht zeitlos um eines, nämlich die Sexualität als etwas Natürliches, Vielfältiges und grundsätzlich Positives zu betrachten – solange sie einvernehmlich, selbstbestimmt und respektvoll ist.

    Was hat das nun mit Kink zu tun? Naja vorerst mal gar nichts. Aber man muss auch sehen, dass der Weg von Sex Positivity zu Kink ein nicht weiter ist. Denn wenn man mal den Menschen und den Raum gefunden hat, mit dem man Dinge ausleben kann, die nicht so ganz „Vanilla*“ sind, dann rutscht man schnell vom einem ins andere. Aber jetzt mal von vorn:

    Belous & Schulze (2022) haben die „Sex Positivity Scale“ entwickelt, und diese haben wir als Online-Experiment gesetzt und auf Instagramm verteilt. Die Befragung läuft noch bis 6. Juli!

    Doing Kink vs. Being Kink?

    Diese Frage stellt sich Kalafatis-Russell (2022) in einem Systematic Review (Übersichtsstudie) über BDSM-Praktiken. Hier wurden 91 Studien zum Thema „Kink“ untersucht zeigt einen klaren Unterschied zwischen Verhalten (doing) und Identität (being), der klinisch, sozial und politisch relevant ist.

    Doing Kink (Verhalten):

    • Kurzfristig und eventbezogen (Partys, Sessions)
    • Außerhalb der Selbstdefinition und des Alltags
    • Motivation: Experimentell und Lustbezogen

    Being Kink (Identität):

    • Längerfristig
    • Teil der Selbstdefinition (wie sexuelle Orientierung)
    • Teil einer Community
    • Tief verankert in Lebensstil / Beziehung
    • oft verbunden mit politischen / queeren Identitäten

    Kink wird oft fälschlich pathologisiert, d.h. laut Diagnostik-Manualen wie dem „IDC-10“ (das noch sehr gebräuchlich ist) gilt das als psychische Störung. Das „ICD-11“ macht das nicht mehr und das „DSM-5“ spricht von „Paraphilie“ also den „ungewöhnlichen Sexuellen Interessen“ (okay, damit können wir wohl leben oder?)

    Was sagt die WHO?

    Klares Statement: BDSM ist keine psychische Störung!

    Quellen:

    Wikipedia Eintrag Sex Positive Movement
    https://en.wikipedia.org/wiki/Sex-positive_movement

    BBC-Artikel über Sex Positive Movement
    https://www.bbc.com/worklife/article/20210818-what-does-sex-positivity-mean

    Belous, C. & Schulz, E. (2022) The Sex Positivity Scale: a new way to measure
    sex positivity as a trait. https://doi.org/10.1080/14681994.2022.2140136

    Kalafatis-Russell, A. (2022) Doing Kink vs. Being Kinky: A Systematic Scoping Review of the Literature on BDSM Behavior, Orientation, and Identity. https://digitalcommons.unf.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=2172&context=etd

  • Folge 8: Swingerclubs

    It is safe to say that Swingers do not enjoy the best of reputations in our society.

    In der achten Folge berichte ich von gleich zwei Studien, die abbilden sollen, wer die Swinger so sind. Die erste bildet dabei eher die 70er-80er Jahre ab, die zweite ist brandaktuell!

    Swinger in den 70/80er-Jahren:

    Die erste Arbeit ist ein Review über 15 Publikationen mit etwa 3.000 Individuen, die zum einen zeigt, wer/wie die Swinger sind und zum anderen, was die Nicht-Swinger über sie denken (siehe Zitat oben). Sie sind durchschnittlich zwischen 36-41 Jahre alt und stammen eher aus der Mittel- oder Oberschicht und haben überdurchschnittlich hohe Bildung und Einkommen, sie gehen aber weniger in die Kirche. Ihre Motivationen sind das Sammeln neuer Erfahrungen (26%) und Lust & Aufregung (19%). Unzufriedenheit im eigenen Sexleben ist dezidiert KEIN Grund, was ihnen die Nicht-Swinger aber unterstellen, und nicht nur das, sie halten sie auch für vermehrt substanzabhängig (Drogen & Alkohol).

    Swinger heute:

    Die zweite Arbeit stammt aus 2025 ist befindet sich noch im Review. Etwa 40.000 Individuen wurden untersucht, darunter viele Daten aus JoyClub. Die Swinger sind im Schnitt 45 Jahre alt und unter den Singles, die an Swinger-Events teilnehmen, sind 2,3 mal so viele Männer wie Frauen. Die größte Gruppe sind BDSM-Swinger, gefolgt von den offenen Beziehungen, nur ein kleiner Teil sind polyamor Lebende. Der in der ersten Studie proklamierte Zusammenhang mit Einkommen und Bildung konnte hier jedoch nicht gezeigt werden (Anm.: was an den Daten liegen könnte, oder daran, dass er nicht mehr vorhanden ist).

    Jenks, R.J. (1998) Swinging: A Review of the Literature. In: Archives of Sexual Behavior, Vol. 27 (5), 507-521.

    Maor, O. (2025) Swingers in Germany: Sociodemographic and Event Preferences Assessed From Harvested Web Data. [in Review]

  • Folge #7: Outing

    Outing ist ein aus dem Englischen übernommener Begriff der Schwulen- und Lesbenbewegung, der sich zu Beginn der 1990er-Jahre auch in der deutschen Sprache durchsetzte. Das reflexive Verb „sich outen“ bezeichnet einen selbstbestimmten Akt (siehe Coming-out). Demgegenüber wird das transitive Verb „jemanden outen“ verwendet im Sinne von „jemanden einer Sache bezichtigen, die bis dahin geheim war“ (und die Betroffene gerne geheim halten wollen). Oft geht es dabei um sexuelle Themen (Beispiele: „outete ihn als Fremdgänger“ oder „… als Bordell-Stammkunden“), aber nicht nur (Beispiele: „outete ihn als Mitglied einer Geheimsekte“ oder „… als Medikamentenabhängigen“).

    (Definition von Wikipedia)

    In Folge #7 habe ich von einer qualitativen Studie mit 67 Menschen aus der BDSM-Szene erzählt, in denen ihre Erfahrung mit Outings erfasst wurden.

    26.9% berichteten von negativen Erfahrungen (Ablehnung, Vorurteile, Isolation bis Jobverlust)

    16.4% berichteten positive Erfahrungen (Erleichterung, Befreiung, Steigerung Selbstbewusstsein)

    15% wurden gegen ihren Willen geoutet. Dies stellt in vielen Fällen eine Verletzung der Privatsphäre dar und sollte tunlichst vermieden werden.

    Ling, T.J et al. (2020) BDSM, Non‑Monogamy, Consent, and Stigma Navigation: Narrative Experiences. In: Archives of Sexual Behavior (2022) 51:1075–1089.

  • Folge #6: Anfängerfehler und schlechte Erfahrungen

    In der sechsten Folge habe ich von einem Review-Artikel (Überblick über viele Artikel der letzten 10 Jahre zum Thema) berichtet, in dem qualitativ und auch quantitativ erfasst wurde, welchen schlechten Erfahrungen Menschen im Zusammenhang mit ihrer offenen Beziehung machen mussten.

    Extern berichteten die Betroffenen häufig von gesellschaftlicher Stigmatisierung, Diskriminierungserfahrungen und negativen Reaktionen im Familien- und Freundeskreis, aber auch im Arbeitsumfeld, was im Extremfall bis zu Mobbing oder Jobverlust reichte (Ein konkretes Beispiel war eine Frau, die ihre Sexualität als Domina auslebt, was nach Bekanntwerden per E-Mail in der Firma an alle geschickt wurde).

    Ebenfalls extern wird von Voreingenommenheit von Fachpersonal besonders in den Bereichen physische und psychische Gesundheit berichtet, z.B. dass Psychotherapeut*innen bei Angabe der sexuellen Präferenzen innerhalb eines Therapiegesprächs dies sofort als Verursacher aller Probleme identifizieren (was selbstverständlich sein kann, aber in den häufigsten Fällen nachweislich nicht ursächlich ist).

    Intern entstehen in offenen Beziehungen oftmals Konflikte mit der Primärbeziehung, meist bedingt durch Eifersucht. Das braucht man nicht schönreden, klar gibt es das auch in CNM-Beziehungen, aber die Problematik findet sich in monogamen Beziehungen genauso.

    Wdowiak, K., Maciocha, A., Wąż, J., Witas, A., Chachaj, W., Słomka, P., & Gardocka, E. (2024). Open relationships – challenges and dilemmas. Journal of Education, Health and Sport, 71, 56173.

  • Folge #5: Warum offene Beziehung?

    Die Frage der Folge kann die Wissenschaft freilich nicht beantworten, sehr wohl kann sie aber ein Abbild davon schaffen, wie viele Menschen in solchen Beziehungsformen leben (Prävalenz) und die Beweggründe quantifizieren.

    In der Folge berichte ich von einer Übersichtsstudie, also einer Arbeit, die Ergebnisse sehr vieler anderer Studien zu dem Thema zusammenträgt und vergleicht. Hier wird unter anderem die Zufriedenheit innerhalb der Beziehung berichtet, die bei CNM-Beziehungen sehr ähnlich ist wie bei monogamen.

    Besonders bei LGBTQ+ Personen liegt die Prävalenz offener Beziehungsformen sehr viel höher, eine Begründung könnte im ganz allgemeinen Hinterfragen oder auch Ablehnen der heteronormativen (= Mann + Frau) gesellschaftlichen Konventionen liegen.

    Den Artikel finden interessierte frei zugänglich hier:
    Scoats, R. & Campbell, C. (2022) What do we know about consensual non-monogamy? In: Current Opinion in Psychology, Vol. 48, 101468.

  • Folge #4: Regeln

    In Folge 4 sprachen wir über unsere Regeln innerhalb der offenen Ehe. Klarerweise kann auch bei uns nicht jede/r gegen den Willen des anderen einfach machen, was er/sie will.

    Regeln sind wie Gesetze, Verstöße ziehen unterschiedliche Konsequenzen mit sich. In der Folge habe ich darüber berichtet, dass in vielen Ländern der Welt Ehebruch nach wie vor strafbar ist. In vielen Fällen gilt die offene Ehe einfach als ein solcher.

    In einigen Ländern ist außer-ehelicher Sex nach wie vor strafbar (Indonesien, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Marokko, Sudan…), in etlichen weiteren zumindest der „Ehebruch“ (Pakistan, Iran, Philippinen…). Besonders tragisch ist, dass in vielen Ländern auch Frauen für das selbe „Delikt“ härter bestraft werden als Männer (z.B. Philippinen).

    In Europa ist Ehebruch straffrei, Österreich war eines der letzten Länder in Europa, die dies 1997 aus dem Gesetz genommen haben. Im Hochmittelalter wäre zumindest Wien noch in der obigen Liste gestanden, denn da wurde außer-ehelicher Sex noch im schlimmsten Fall mit Tod durch Pfählung (!) bestraft.

    Zu diesen Themen gibt es sehr gute und ausführliche Wikipedia-Artikel, drei möchte ich hier zitieren (englische Fassung weil detaillierter):

    Wikipedia: Adultery Laws, Extramarital Sex, Sexism

  • Folge #3: Wie viele Menschen gehen fremd?

    Participants reported over 500 reasons to remain faithful and over 1,000 reasons to cheat.
    (Übers.: Teilnehmer*innen gaben über 500 Gründe an treu zu bleiben, und über 1,000 Gründe fremdzugehen)

    Ich habe in der Folge über einige Erhebungen zum Thema „Prävalenz“ berichtet, das heißt wie oft eine bestimmte Sache in der Bevölkerung vorkommt. In einer großangelegten Umfrage des MSNBC mit über 70,000 Menschen zeigte sich, dass 50% der Menschen schon einmal im Leben fremdgegangen sind. Eine Umfrage mit über 9,000 Menschen zeigte, dass 21% bereits in der aktuellen Beziehung untreu waren, also jede/r fünfte! In offenen Beziehungsmodellen leben hingegen nur 5,3%, also etwa jeder zwanzigste Mensch.

    Diese und viele andere spannende Statistiken zur Prävalenz von Fremdgehen und offenen Beziehungen sind nachzulesen in (frei zugänglich):

    Emmers-Sommer, T.M.; Warber, K. & Halford, J. (2010) Reasons for (Non)engagement in Infidelity. In: Marriage & Family Review, Vol. 46, S. 420-444.

    Anm.: In der Wissenschaft sind wir uns natürlich im Klaren darüber, dass die Stichprobe und der Erhebungszeitraum einen großen Einfluss auf die Aussage hat. Der Artikel ist von 2010 und berichtet damit veraltete Daten, die Stichproben stammen mehrheitlich aus den USA.

  • Folge #2: Konsensuale nicht-monogame Beziehungen

    In der ersten Folge des Podcasts habe ich erklärt, wie offene Beziehungen in der Wissenschaft genannt werden. Wir sprechen von „consensual non-monogamous“ oder CNM relationships. Dieser Überbegriff steht für eine Vielzahl an Beziehungsmodellen (Swingen, offene Beziehung, Polyamorie…), in denen die Partner*innen ausdrücklich von den sexuellen Aktivitäten der jeweils anderen wissen, bzw. mit ihnen einverstanden sind.

    Dazu empfehle ich den Übersichtsartikel (frei verfügbar):
    Scoats, R. & Campell, C. (2022) What do we know about consensual non-monogamy? In: Current Opinion in Psychology, Vol. 48:101468

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