Folge #21: Kirche & Religion

„Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben.“

Deuteronomium, 22, 22

Eines ist klar: Bei der wörtlichen Auslegung der Bibel ist eine offene Ehe im Programm eher nicht enthalten. Aber gilt das nur für das Christentum?

Judentum: Schamhaftigkeit, Reinheitsregeln, Regeln zur Ehe und Sexualität

Islam: Scham als Tugend, Sexualität ist gut aber regelgebunden und Konzepte der Ehre, die von Scham geschützt werden soll bzw. der Ehrenrettung durch Vergeltung sind weit bekannt

Hinduismus: Scham als Tugend, männliche Pflichten und weibliche Keuschheitsnormen, Sexualität ist ambivalent sakral bzw. sozial

Buddhismus: Innere Scham und Furcht vor Übel, Keuschheit für Ordensleben bzw. Laienethik: Sexueller Missbrauch verboten

Konfuzianismus: Scham = moralisches Gewissen, Scham fördert Harmonie und Statuskonformität

Einfache Antwort lautet also: Nein. Das findet man in so ziemlich jeder Religion. Erschreckenderweise haben die auch etwas anderes gemeinsam: weibliche Sexualität wird immer stärker reguliert und limitiert: Keuschheitsgebote, Verhüllungsgebote, härtete Strafen bei Vergehen. Scham fungiert als Machttechnik (siehe auch Folge #20: Scham)

Was die Wissenschaftsecke betrifft, so hatte ich ja nur eine Kennzahl aus der Meta-Studie (Emmers-Sommer et al., 2017) noch zurückgehalten, die ich aus rein dramaturgischen Gründen passend zu dieser Folge erst in die Arena werfe:

Der stärkste gefundene Zusammenhang mit sexueller Schuld, war jener mit Religiosität (r = 0.44).

Ferner hatte ich noch zwei Studien zitiert, die spannende Zusammenhänge berichten.

Zum einen hängt höhere Religiosität sowohl auf attitudinaler Ebene (das Denken) als auch auf behavioraler (das Handeln) mit einer negativeren Einstellung gegenüber CNM-Beziehungen führt, als Mediatorvariablen wurden u.a. politischer Konservativismus als auch Mononormativismus genannt (Grigoropoulos, 2024).

Zum anderen wurde in einer Befragung mit über 900 Personen gezeigt, dass das Interesse am „Ausprobieren nicht-monogamer Beziehungen oder Praktiken“ als primäre Begründung dafür, dass sie das nicht wollen, angeben, dass ihre religiöse Überzeugung sie davon abhält. Es lebe der Schachtelsatz, aber einfach ausgedrückt, sie sagen nicht dass sie das selbst gar nicht wollen, sondern dass ihre Religion das nicht erlaubt (St. Vil & Giles, 2022)

Referenzen:

Emmers-Sommer, T. M., Allen, M., Schoenbauer, K. V., & Burrell, N. (2018). Implications of sex guilt: A meta-analysis. Marriage & Family Review, 54(5), 417–437. https://doi.org/10.1080/01494929.2017.1359815 

Grigoropoulos I. Beyond the presumption of monogamy: the role of religiosity, political conservatism and mononormativity in motivating opposition towards poly families / Más allá de la presunción de monogamia: el rol de la religiosidad, el conservadurismo político y la mononormatividad como motivadores de la oposición hacia las polifamilias. International Journal of Social Psychology: Revista de Psicología Social. 2024;39(1):85-116. doi:10.1177/02134748231218170

St Vil NM, Giles KN. Attitudes Toward and Willingness to Engage in Consensual Non-Monogamy (CNM) Among African Americans Who Have Never Engaged in CNM. Arch Sex Behav. 2022 Apr;51(3):1823-1831. doi: 10.1007/s10508-021-02268-2. Epub 2022 Mar 1. PMID: 35230564.

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