Folge #24: 10 Mythen über offene Beziehungen

Diesmal habe ich im Wissenschaftsblock versucht, die von Claire über Instagram als Reels bereits berichteten „10 Mythen über offene Beziehungen“ wissenschaftlich zu betrachten. Denn Vorurteile, Stereotype und Meinungen teilen sich meist eins… Quelle: Trust me Bro – wie man das heute so schön sagen würde.

#1 „Offene Beziehungen funktionieren nicht

Nicht haltbar. Erstens wird funktionieren oft mit „ewig halten“ gleichgesetzt, zweitens sind auch scheinbar stabile Beziehungen oft toxisch. Der Mythos kommt vom „monogamy superiority myth“ – also dem Irrglauben, dass Monogamie grundsätzlich überlegen sei.

Anderson, J. R., Hinton, J. D. X., Bondarchuk-McLaughlin, A., Rosa, S., Tan, K. J., & Moor, L. (2026). Countering the Monogamy-Superiority Myth: A Meta-Analysis of the Differences in Relationship Satisfaction and Sexual Satisfaction as a Function of Relationship Orientation. The Journal of Sex Research63(1), 130–142. https://doi.org/10.1080/00224499.2025.2462988

#2 „Man ist nur in einer offenen Beziehung, wenn man sich nicht wirklich liebt.“

Studie von Paccagnella et al. aus 2024 zeigt anhand von Daten offen lebender Paare aus 33 Ländern dass sie anhand der Vergleichsdaten monogamer Paare, keine Unterschiede in Liebe, Commitment, Intimität oder Leidenschaft zeigen.

Paccagnella, L., Enrica Matta, & Nicole Braida. (2024). Intimacy, Passion and Commitment in Consensual Non-monogamies. An Empirical Study on an International Sample. Italian Sociological Review14(2), 487–513. https://doi.org/10.13136/isr.v14i2.690

#3 „Offene Beziehungen bedeuten, dass man sexuell unersättlich ist.“

Übersichtsarbeit von Scoats & Campbell aus 2022 fasst 10 Jahre Forschung über die Motivik zusammen, wo sich zeigt dass die Treiber primär Neugier, Autonomie, persönliche Entwicklung und Identität sind, nicht Trieb oder Gier.

Scoats, R., & Campbell, C. (2022). What do we know about consensual non-monogamy? Current Opinion in Psychology, 48, 101468. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2022.101468

#4 „Eifersucht gibt es in offenen Beziehungen nicht.“

Buczel et al. (2024) zeigten fürü CNM-Paare geringere Eifersucht, aber dass sie gar nicht oder nie eifersüchtig wären, ist natürlich Quatsch.

Buczel, K.A., Szyszka, P.D. & Mara, I. Exploring Compersion: A Study on Polish Consensually Non-Monogamous Individuals and Adaptation of the COMPERSe Questionnaire. Arch Sex Behav 53, 3285–3307 (2024). https://doi.org/10.1007/s10508-024-02930-5

#5 „Offene Beziehungen sind nur eine Ausrede fürs Fremdgehen.“

Okay Leute, da brauchen wir keine Studie, da reicht der Duden. Definition: „eine heimliche romantische oder sexuelle Beziehung außerhalb einer Ehe oder festen Partnerschaft haben“. Ich wiederhole: HEIMLICH.

Duden „fremdgehen“

#6 „Eine offene Beziehung ist nur eine Übergangsphase.“

Alles im Leben kann eine Phase sein. Hier kann ich nur Scoats et al. von vorhin zitieren, das wird sogar als methodischer Mangel herausgestellt, dass es eben keine soliden Daten zur Stabilität von CNM-Beziehungen gibt. Und solange es das nicht gibt, kann man viel anekdotische Evidenz auf den Tisch werfen.

Scoats, R., & Campbell, C. (2022). What do we know about consensual non-monogamy? Current Opinion in Psychology, 48, 101468. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2022.101468

#7 „Frauen wollen keine offenen Beziehungen – das ist eher was für Männer.“

Scheinbar sind offene Beziehungen bei homosexuellen Männern am häufigsten, aber bei heterosexuellen Paaren sind Männer und Frauen gleichermaßen an offenen Beziehungsmodellen interessiert zeigen Moors et al. 2014.

Moors, A. C., Rubin, J. D., Matsick, J. L., Ziegler, A., & Conley, T. D. (2014). It’s not just a gay male thing: Sexual minority women and men are equally attracted to consensual non-monogamy. [Special Issue on Polyamory]. Journal für Psychologie, 22(1), 38-51. https://digitalcommons.chapman.edu/psychology_articles/132/

#8 „Kinder und offene Beziehungen passen nicht zusammen.“

Eine Studie von Alarie (2023) berichtet dass die Kinder selbst die Beziehung der Eltern als vorteilhaft für sich selbst und die Familie ansehen – also es sind immer die anderen, die einreden wollen das sei schlecht für die Kinder.

Alarie, M. (2024). Family and consensual non-monogamy: Parents‘ perceptions of benefits and challenges. Journal of Marriage and Family, 86(2), 494–512. https://doi.org/10.1111/jomf.12955

#9 „In offenen Beziehungen gibt es keine Regeln.“

Vilkin & Davila (2023) zeigen in einem Artikel über die „Relationship Agreements“, dass CMN Paare sogar deutlich mehr Regeln haben als monogame Paare.

Vilkin, E. & Davila, J. (2023) Characteristics of Relationship Agreements and Associations with Relationship Functioning Among People with Diverse Relationship Structures. In: Journal of Social and Personal Relationships, Vol. 40(8). https://doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1177/026540752311577

#10 „Eine offene Beziehung rettet eine kaputte Beziehung.“

Hier kann man klar sagen, es gibt keine Daten, die so etwas belegen würden. Eine „kaputte“ Beziehung – wie auch immer man das definiert – kann „gerettet“ werden – wie auch immer man das nun wieder definiert.

Warum habe ich hier so viel in Studien herumgekramt? Wir könnten doch einfach aus unserer Sicht sagen „ja das ist aber nicht so“. Ja könnten wir, aber das wäre auch nicht viel besser, als die ganzen Besserwisser im Internet, deren einzige Quelle eben „trust me Bro“ ist. Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt befassen sich mit der Untersuchung von CNM-Beziehungen und deren mühsam zusammengetragene und sorgfältig überprüfte Ergebnisse sollte man etwas ernster nehmen als das Gequatsche der selbsternannten Instagramm-Expert*innen.

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