Unsere Vorstellungen von Beziehungen, Sexualität und Identität sind keine biologischen Tatsachen – sie sind kulturell geprägt, normativ aufgeladen und tief im Alltag verankert. Drei besonders prägende Konzepte dabei sind: Mono-Normativität, der sexuelle Doppelstandard zwischen Mann und Frau und Hetero- sowie Cis-Normativität.
💍 Mono-Normativität: Warum Monogamie „normal“ erscheint
Mono-Normativität bezeichnet die gesellschaftliche Vorstellung, dass es „normal“, „gesund“ und „moralisch richtig“ sei, in einer exklusiven Zweierbeziehung zu leben – idealerweise monogam.
Eine Masterarbeit von an der University of Denver zeigt:
- Monogamie ist kein biologisches Naturgesetz, sondern eine kulturelle Konstruktion, die sich über Sprache, Medien, Gesetze und romantische Erzählungen etabliert hat.
- Andere Beziehungsformen – etwa offene oder polyamore Beziehungen – werden oft als Abweichung, Phase oder gar Störung interpretiert.
- Monogamie wird moralisch aufgeladen: Wer „treu“ ist, gilt als charakterstark, verlässlich und bindungsfähig. Wer abweicht, muss sich rechtfertigen – nicht-monogame Menschen sehen sich häufig mit Erklärungsdruck konfrontiert.
„He is a Stud, she is a Slut!“
Diese Aussage – und gleichzeitig Titel des vorliegenden Papers – beschreibt die Ansicht, dass Männer mit vielen Sexualpartnerinnen besonders toll („Stud“ = Hengst) und Frauen halt eben so gar nicht toll („Slut“ = Schlampe) sind.
Die Studie fasst die Ergebnisse aus 99 Einzelstudien mit über 120.000 Personen zusammen und analysiert, wie Männer und Frauen mit vielen Sexualpartner:innen gesellschaftlich bewertet werden.
Die wichtigsten Erkenntnisse:
- Der doppelte Standard existiert weiterhin, aber:
- Die Effektstärken sind kleiner als erwartet (meist gering bis moderat).
- In den letzten 20 Jahren ist eine deutliche Abschwächung messbar.
- Der Effekt ist in liberalen, gleichberechtigten Gesellschaften schwächer,
in konservativen, religiös geprägten Kulturen stärker. - Bemerkenswert: Männer und Frauen beurteilen „viel Sex“ bei Frauen ähnlich streng.
→ Der Doppelstandard ist gesellschaftlich internalisiert, nicht nur „männergemacht“.
🌈 Hetero- & Cis-Normativität: Die stillen Ausschlüsse
Heteronormativität meint die gesellschaftliche Vorstellung, dass Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit die natürliche Norm seien. Alles andere – von gleichgeschlechtlicher Liebe bis zu nicht-binärer Identität – gilt als Ausnahme, Störung oder Unsichtbares.
Der Biologe und Neurowissenschaftler Dr. Robert Sapolsky (Stanford University) beschreibt in seiner berühmten Vorlesungsreihe Introduction to Human Behavioral Biology sehr eindrücklich, dass biologische Vielfalt nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist.
