Anmerkung zu Beginn: Ich habe in der Folge bereits eine Position erwähnt, die durch einen (Meinungs-)Artikel in „The Guardian“ repräsentiert wird, nämlich dass Polyamorie nicht automatisch befreiend für Frauen sei – sondern im Gegenteil – alte Muster sogar verstärkt werden könnten. Der Text sagt zusammengefasst: Auch wenn das modern und progressiv klingt, kann es in hetero Konstellationen passieren, dass Männer am Ende mehr Vorteile haben, während Frauen mehr emotionale Arbeit, mehr Unsicherheit und mehr Konkurrenzdruck tragen. Und er erinnert daran: Nur weil etwas ‘freiwillig’ wirkt, heißt das nicht, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse plötzlich verschwunden sind.“
Im Artikel, den ich heute mitgebracht hatte (Klesse 2018), geht es nicht primär darum, ob Polygamie gut oder schlecht für Frauen ist, sondern vielmehr um einen theoretisch-/historischen Überblick, wie queer-feministische Autor*innen über das letzte Jahrhundert Monogamie, Macht und (sexuelle) Selbstbestimmung diskutieren.
Der Artikel stellt im Wesentlichen drei Fragen:
- Warum taucht in feministischen Debatten über Nicht-Monogamie so oft “sexuelle Selbstbestimmung” auf?
Also: Warum sagen viele Frauen, Öffnung habe für sie mit Autonomie zu tun? - Ist “Autonomie” im Feminismus überhaupt ein gutes Konzept – oder zu individualistisch?
Autonomie heißt ja nicht „ich mach einfach, was ich will“, sondern muss auch relational gedacht werden: Freiheit hängt davon ab, welche Macht- und Lebensbedingungen man hat (Geld, Care-Arbeit, Stigma, Sicherheit). - Wie hat sich die Kritik an Monogamie entwickelt?
Früher ging es oft um Ehe als Institution, Abhängigkeit und Arbeitsteilung; später kommt stärker die Idee dazu, dass Monogamie auch ein Normalitätsdruck sein kann („so gehört sich das“), der mit anderen Normen zusammenhängt.
Die wichtigsten Thesen/Argumente
- ad 1.) Feministische Kritik an Monogamie ist historisch oft eine Kritik daran, dass Frauen in Beziehungen strukturell benachteiligt wurden – ökonomisch, emotional, sozial.
- ad 2.) Selbstbestimmung ist nicht nur eine Entscheidung im Kopf, sondern hängt an realen Bedingungen: Wer hat Ressourcen, wer trägt Risiken, wer muss es geheim halten, wer macht die Care-Arbeit?
- ad 3.) Moderne Poly-/CNM-Diskurse reden manchmal viel zu stark im Stil „Hauptsache Choice“ – aber die älteren feministischen Debatten liefern die kritischen Punkte, um genauer hinzuschauen: Macht, Normen, Arbeit, Stigma, Race/Class, etc.
Referenzen:
Bindel, J. (2013) Rebranding polyamory does women no favours. In: The Guardian, Mon. 26. August [Zeitungsartikel]. Abgerufen am 23.5.2026 unter https://www.theguardian.com/commentisfree/2013/aug/26/polyamory-no-favours-for-women?
Klesse, C. (2018) Toward a Genealogy of a Discourse on Women’s Erotic Autonomy: Feminist and Queer-Feminist Critiques of Monogamy. In: Journal of Woman in Culture and Society. Vol. 44(1), 205-231. https://doi.org/10.1086/698283
