Was für ein spannendes Thema! In der Zwischenzeit habe ich eine tolle Folge Terra Xplore mit Leon Windscheid zum Thema „weibliche Lust“ gesehen und das waren höchst informative 30 Minuten – natürlich unter Einbeziehung einer Sexualwissenschaftlerin (Dr. Verena ). Verfügbar auf YouTube, schaut euch das unbedingt an!
Ich selbst habe im Artikel eine Studie zitiert, die auch in dieser Sendung besprochen wird: Eine Studie zum „Orgasm-Gap“ von Frederick et al. (2017), hier wurde die Orgasmus-Häufigkeit nach Geschlecht und sexueller Orientierung an einem Sample von über 52.000 Menschen untersucht. Hier wurde gefragt, ob Menschen beim Sex üblicherweise immer zum Orgasmus kommen und siehe da:
1 Heteromänner (95%)
2 Schwule Männer (89%)
3 Bi-Männer (88%)
4 Lesbische Frauen (86%)
5 Bi-Frauen (66%)
6 Heterofrauen (65%)
Bei Frauen korreliert der Orgasmus mit mehr Oralsex, längerer Sexdauer, mehr Beziehungszufriedenheit und Praktiken wie genitale Handstimulation, z.B. Fingern, deep kissing zusätzlich zur Penetration.
Die Unterschiede sind verhaltens-/skriptgetrieben (also einer sozialisierten Vorstellung davon, wie Sex zu sein hat) – da kann man nur auf Barbara Balldini verweisen, wenn man es in prominent und äußerst lustig hören will – Sex wird ganz oft eher nach der Vorstellung des Mannes praktiziert, wo hat der seine Vorstellung her? Aus dem Porno. Wer findet diese Vorstellung geil? Heteromänner. Da ist der Teufelskreis.
Zweite Studie von Moura et al. (2020), Vergleich von Frauen MIT und OHNE Orgasmusproblemen, kleineres Sample, hier wurden 500 Frauen befragt, 50/50 mit und ohne Orgasmusproblemen.
Da zeigte sich dass die Gruppe mit Schwierigkeiten vor allem höhere Angst vor sexuellem Versagen, mehr negative automatische Gedanken (vor allem Rückzug, Körperbild, mangelnde Erotik) als auch mehr allgemein negativen Affekt beim Sex (also weniger gute Emotionen verbunden mit Sex) zeigten.
Da es aber keine relevanten Gruppenunterschiede bei der sexuellen Erregung oder Erregungsfühigkeit gab, kann man hier sagen, dass die Problematik keine körperliche ist sondern vielmehr eine Kopfsache.
Und wie löst man das Problem jetzt: Klarerweise wenn das sehr stark und belastend ist, professionelle Hilfe – Ich zitiere auch da wieder gerne Barbara Balldini, Sexualtherapie und oder Tantra kann auch im hohen Alter noch Wunder wirken. Wenn von der Performanceorientierung aka. Pornosex und auf jeden Fall im Paarkontext GEMEINSAM!
Was ist ein Orgasmus?
Ein Orgasmus ist der kurze Höhepunkt sexueller Erregung: ein starkes, meist lustvolles „Entladungs“-Erleben, das vom Gehirn gesteuert wird und sich im Körper als Reflex zeigt.
Was passiert dabei im Körper?
- Nervensystem: Hochaktivierte Erregung kippt in eine reflexartige „Release“-Phase.
- Muskeln: Rhythmische Kontraktionen im Beckenboden/Genitalbereich (oft auch an anderen Muskeln).
- Botenstoffe/Hormone: u.a. Oxytocin (Nähe/Entspannung) und Prolaktin (Sättigung/Runterfahren); dazu kommen typischerweise Belohnungs-/Wohlfühlsysteme (z.B. Endorphine/Dopamin).
Wozu nützt der (besonders bei Frauen)?
- Fortpflanzung: Bei Frauen ist Orgasmus nicht nötig, um schwanger zu werden; biologisch ist er eher „optional“.
- Mögliche Funktionen: Bindung/Pair-bonding (Nähe nach Sex), Stressabbau, positives Lernen („das war gut, das will ich wieder“), und möglicherweise Unterstützung von Erregung/Schmierfähigkeit/Beckenboden – aber nicht als Pflichtprogramm.
Gesellschaftliche Sicht
Gleichzeitig gibt es einen Doppelstandard: Männerorgasmus gilt als „normal/automatisch“, weiblicher Orgasmus wird entweder mystifiziert („kompliziert“) oder zur Bestätigung des Partners gemacht.
Oft wird Orgasmus als Leistungsnachweis behandelt: „Er/Sie muss kommen, sonst war’s nicht gut.“
Daraus entstehen Druck, Vorspielen und Selbstbeobachtung (Prüfmodus statt Genuss).
Frederick, D.A., John, H.K.S., Garcia, J.R. et al. Differences in Orgasm Frequency Among Gay, Lesbian, Bisexual, and Heterosexual Men and Women in a U.S. National Sample. Arch Sex Behav 47, 273–288 (2018). https://doi.org/10.1007/s10508-017-0939-z
Catarina V. Moura, Inês M. Tavares, Pedro J. Nobre, Cognitive-Affective Factors and Female Orgasm: A Comparative Study on Women with and Without Orgasm Difficulties, The Journal of Sexual Medicine, Volume 17, Issue 11, November 2020, Pages 2220–2228, https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2020.08.005
